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In einem Zug nach Nirgendwo.

Montagnachmittag im Dezember. IC 1078, Wagen 7, Platz 101 am Fenster. Trübgrüne Landschaften, dumpfe Nebelschwaden, graue Vorstädte, Wiesen. Dunkelschwarze Gewitterwolken und gleichgültiger Regen.

Platz 97, ein Mädchen, blondes Haar, lachend. In ihren Händen eine Spieluhr in Form eines Mondes, ihr Gelächter begleitet von "Guten Abend, gute Nacht". Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Fremdbestimmt. Kleine Grausamkeiten in ertragbare Häppchen zerteilt, vor dem Schlafengehen serviert. Süße Träume. Hast du denn Zähne geputzt? Monster unter dem Bett? Und Zweifel, ob es am nächsten Morgen wirklich ein Erwachen gibt?

Platz 105, junge Frau, schwarzes Haar, weinend. In ihren Händen die Reste eines Taschentuchs, umklammert von zarten Fingern mit schwarz lackierten Nägeln. Bröckelnder Lack, zerbröckelte Träume. Leises Schluchzen, begleitet von dumpfen Bässen aus schäbigen Kopfhörern. Und die Gewissheit, dass die Tränen versiegen, aber nichts bleibt, wie es sein wird und nichts war, wie es ist.

Überall Mauern. Unüberwindbare Dämme zum Schutz vor zersplitterten Seelen oder Mitgefühl, düsteren Gedanken trotzend. Schutzschilde gegen das eigene Zerbrechen, Pflaster als Vorsorge und für den Notfall eine Tube Sekundenkleber. Scheuklappen für Blicke, starr geradeaus gerichtet, um nicht vom auferlegten Weg abzukommen, dabei aber das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Und heimlich noch Hoffnung. Silbriges Flackern in dunklen Gemütern, die Sehnsucht nach Sonne und das vage Bangen und Warten auf's Glück. Strohhalme, die zu Ankern werden und die zaghafte Ahnung, dass der dritte Schritt leichter als der zweite leichter als der erste sein wird.

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