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Judetta aus der Kiste.

Auf einmal ist er da, der Tag, an dem der neue Mietvertrag in den Briefkasten flattert. Lange gesucht (oder Glück gehabt), viele Wohnungen besichtigt (oder Glück gehabt), viele Absagen bekommen und (oder endlich) Glück gehabt. 

Nach unzähligen Vorführungen der eigenen Wohnung ist letztendlich auch ein Nachmieter gefunden, eine Tatsache, die allein mehr als genug Absurditäten für eine eigene Geschichte beinhaltet. 

Jedenfalls ist es endlich soweit, sämtliche Besitztümer und Habseligkeiten können sorgsam in Zeitungspapier gewickelt und in Kisten verpackt werden. Kleiderschränke sind ausgemistet, alte Lieblingsschuhe für den letzen Weg zum Altkleider-Container zu Paaren geschnürt, Bücher sortiert und die Unterlagen, die in den letzen Monaten unachtsam in Kartons gelandet sind, vernünftig und ganz erwachsen in Ordner abgelegt. Noch sieben Tage bis Umzug. Das große Packen kann beginnen.

Kiste 1-4
Ist das alles aufregend! Kiste 1 steht in der Küche auf zwei Stühlen und wartet darauf, gefüllt zu werden. Voller Tatendrang werden Teller, Tassen und Gläser, die zu dem Zeitpunkt noch nicht zu Bruch gegangen sind, nacheinander eingetetrist, und bald sind die ersten Kisten voll. Eine Ecke der Küche eignet sich gut als Stapelplatz, und so landen sie da und warten auf den großen Tag.

Kiste 5-14
Inzwischen sind nahezu alle Küchenutensilien transportsicher verpackt. Blöd, dass man jetzt erst bemerkt, dass man ja irgendwie in den letzten Tagen auch noch etwas essen muss und dafür vermutlich auch diverse Gerätschaften benötigt. Zum Beispiel einen Teller aus Kiste 2-4. Oder Besteck aus Kiste 7. In welcher Kiste sind eigentlich die Töpfe?

Kiste 15-34
Mittlerweile türmen sich in der Küche die Kartons schon bis fast unter die Decke, und das Wohnzimmer ist als nächstes an der Reihe. Bücher, DVDs, Kissen, Kerzen, Dekorationselemente, Schnick-Schnacke und sonstige Gegenstände, die man definitiv nicht zum Leben braucht, auf die man aber eigentlich unter keinen Umständen auch nur einen Tag verzichten kann, wandern, nach vorgetäuschten Prioritäten sortiert, aus Regalen in viereckige Pappmonster. Langsam sinkt die Stimmung, irgendwie scheint kein Ende absehbar zu sein und dabei bleiben ja nur noch vier Tage! Egal, es reicht auch für heute, Entspannung muss schließlich sein und mit einem Glas Wein sortieren sich all die Erinnerungen bestimmt viel leichter. Wenn man jetzt nur wüsste, wo der Korkenzieher ist...

Kiste 35-54
Wo, zum Teufel, kommen eigentlich all diese Klamotten her? Es kann doch eigentlich gar nicht sein, dass sich in nicht einmal drei Jahren tonnenweise Textilien angesammelt haben, die man noch nie zuvor gesehen zu haben meint? Und sechs Kisten Schuhe? Im Ernst? Mmh, erstmal nicht weiter drüber nachdenken und weitere sieben Kisten mit "Nichts zum Anziehen" und "Nichts zum Anziehen mit Preisschild dran" füllen. Spät am Abend ist dann auch das Schlafzimmer geräumt und der wohlverdiente Feierabend da. War da nicht noch eine Flasche Rotwein in der Küche? Verdammt, wenn dieser verfluchte Korkenzieher nicht gleich irgendwo auftaucht, werden Kisten sterben, und das nicht zu knapp!

Kiste 55-61 1/2
Wohnst du noch oder verzweifelst du schon? Für "fertig gepackt" liegt noch zuviel herum, für "ich brauch' mal eben" herrscht zuviel Chaos. Die Küche alias Lager ist kaum noch zu betreten, und im Wohnzimmer steht sogar der Couchtisch schon hochkant an der Wand, wurde in seiner eigentlichen Funktion längst durch noch mehr Kisten ersetzt. Die Stolper- und Stoßgefahr ist unermesslich. Bewegungsfreiheit war gestern, und gute Laune geht anders. Der Rücken tut weh, die Hände sind rauh und brennen, der Kopf scheint seit Tagen ausschließlich als Proberaum einer Death Metal Band zu fungieren. Diese unfassbare Müdigkeit tötet jegliche Motivation, sofern sowas überhaupt noch vorhanden ist. Nur noch wenige Stunden bis Umzug, keine Lust, keine Kraft und noch immer kein Korkenzieher.

Kiste 61 1/2-65
Die letzen Überbleibsel werden achtlos in die restlichen Kisten geschmissen, es klingelt, und los geht's. Zehn Paar Arme heben Möbel und Kisten, zehn Paar Beine steigen unermüdlich 97 Stufen auf und ab, 17 Kubikmeter Ladefläche werden gefüllt und wieder ausgeladen. Zweimal. Und jeweils 21 Stufen aufwärts geschleppt. Auf 84 Quadratmeter Wohnfläche verteilt. Drei Kannen Kaffee, 7,5l Mineralwasser, ein riesiger Topf Chili und drei Baguettebrote in hungrige Münder gefüllt. Acht müde Gesichter verabschiedet. Unzählige Regale und Schränke aufgebaut, danach 17 Kisten auf den Dachboden geschleppt und der Inhalt der restlichen 48 auf Schränke, Regale, Truhen, eine Küche, ein Bad und zwei Abstellkammern verteilt. 

Dann, ein paar blaue Flecken, Schürfwunden und beinahe Nervenzusammenbrüche später, ist es plötzlich vollbracht. Geliebte Bilder hängen an den Wänden, frische Blumen stehen auf dem Tisch, die Wohnung glänzt, die Fenster sind geputzt, Kissen verteilt und die Couch sah nie einladender aus. Jetzt noch schnell in die Küche, und da, gleich links in der ersten Schublade, ist endlich auch der Korkenzieher.

Kommentare

  1. Ein Happy End. :)

    Steht mir in 14 Tagen auch bevor. Ich habe allerdings nur vier Tage zum Packen - werde aber wohl auch nicht annähernd so viele Kisten benötigen ...

    Richtig interessant wird es doch eigentlich erst, wenn man beim nächsten Umzug Kisten findet, die man seit dem Einzug nicht einmal angerührt hat ...

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  2. *schnüff* Ich finde, das nonchalante Verteilen ging hier viel zu schnell! Ich möchte einen Artikel über das Auspacken verfassen! Ich glaub mein Auspacken ist eher so wie Dein Einpacken...
    Schön. Freut mich, dass es vollbracht ist.

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  3. @T.Illing
    Oh ja, die gab's hier auch zur Genüge... A la "Eben noch auf dem Dachboden, jetzt schon.. auf dem Dachboden".

    @Zuckerziege
    Komm endlich her und schau's dir an, du Nase! <3!

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  4. Ach ja... Mögen noch viele Umzüge folgen :)

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  5. Kenn ich doch irgendwoher ... lass mich überlegen ... ;)

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  6. Hätten Sie doch gesagt, dass Sie umziehen! Ich hätte natürlich gern so getan, als würde ich helfen, sofort das Chili gegessen und mich nach einem Bäuerchen wieder heimlich aus dem Staub gemacht.

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  7. Herr F., ich habe tatsächlich kurz darüber nachgedacht, Sie zu engagieren. Dann fiel mir jedoch Ihre ausgeprägte Vorliebe für Bäucherchen jeglicher Art wieder ein. Und ich gebe zu: ich hatte Angst. Außerdem wäre mir Ihre Anwesenheit vor meinen Freunden äußerst unangenehm gewesen. Bitte sehen Sie es mir nach.

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  8. Aber...aber...aber ich dachte, ich sei auch Ihr Freund? Sie sagen doch immer "Lassen Sie mich in Ruhe, Freundchen." Gilt das denn heutzutage gar nichts mehr?

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  9. Oh.. und wo war'n jetzt die Kräne drinne?

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