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Pro Spatz in der Hand.

Neulich wurde ich gefragt, was ich denn eigentlich vom Tauben vergrämen halten würde. Oder aus welchem Grund man diesen reizenden kleinen Geschöpfen – den Ratten der Lüfte – kein Federchen krümmen dürfte. Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, was aber noch viel schlimmer ist: Auf einmal sah ich mich gezwungen, über diese Vogelgattung auch noch nachzudenken! Dabei fiel mir zunächst auf, dass grundsätzlich nicht alle Tauben in eine Schublade passen, sondern man ganz klar differenzieren muss. Tauben sind mitunter nämlich recht schlau und bisweilen sogar nützlich. Zum Beispiel kann man sie in Körben an einen beliebigen Ort transportieren, dort freilassen, und nach zwei bis drei Orientierungsrunden über den Startplatz finden sie ohne großes Federlesen den Weg nach Hause.  Außerdem kann man sie als Überbringer kleinerer Nachrichten benutzen, und sie eignen sich auch hervorragend zum Aussortieren von guten und schlechten Linsen sowie auf dem Teller an Rotkohl und Klößen. Dennoch gibt es einige Exemplare, denen die Gehässigkeit deutlich ins Gefieder geschrieben ist, und deren Vergrämung  meines Erachtens diskutiert werden sollte.

Zum Beispiel gibt es da die  „schockschwere Not“-Taube. Dieses Flugmonster zieht es vor, gerade dann aus dem Gebüsch gerannt zu kommen, wenn man nichtsahnend mit seinem Rad nach einem langen Arbeitstag auf dem Weg nach Hause ist. Noch während man überlegt, was man denn eigentlich mit diesem angebrochenen Abend wohl anfangen kann, bekommt das Wort „angebrochen“ ein anderes Subjekt zugewiesen: die eigene Nase. Diese holt man sich nämlich, wenn das hintertückische Taubentier Anlauf nehmend beschließt, unmittelbar vor dem Rad einen beeindruckenden Senkrechtstart vorzuführen.  Eine Vollbremsung und ein im Gulli hängenbleibendes Vorderrad später steigt man unsanft über den Fahrradlenker ab und weiß spätestens jetzt ganz sicher, dass diese Taubensorte von bösem Wesen ist.

Dann gibt es da die „Oh Gott, bitte lass es nur Wasser gewesen sein“-Taube. Schlimm genug, dass man sich an manchen Tagen in ein Kostümchen quetschen muss. Unbequeme und viel zu hohe Schuhe an den Füßen habend versucht man, wenigstens einigermaßen grazil den Wust an Laptop- und Handtaschen in der einen, einen Becher sehr heißen Kaffee in anderen Hand balancierend, seinen Weg über ohnehin schon fußfeindliches Kopfsteinpflaster zu meistern, als plötzlich ein großer Klecks auf der rechten Schulter landet. Vor Schreck schüttet man sich, stolpernd, den heißen Kaffee über die Beine. Und während man noch hofft, dass es nur Wasser ist, was da auf einem gelandet ist, entdeckt man die weiß-bräunliche, flüssige Substanz, die sich so wunderbar von dem feinen Anzugstoff abzeichnet. Schade, dass man eh schon viel zu spät dran ist und ein Umziehen nicht mehr infrage kommt. Bleibt nur der müßige Versuch, die Taubenexkremente halbwegs mit Wasser entfernen zu können oder die Hoffnung, dass es warm genug sein wird, den Tag einfach ohne Jackett zu überstehen.

Ein weiteres vergrämungswürdiges Wesen ist die „Der frühe Vogel macht Radau“-Taube. Diese nistet besonders gern in Hinterhöfen oder kleinen Nischen im Gemäuer. Sie gibt den ganzen Tag keinen Laut von sich – solange man wach ist. Kann man jedoch ausschlafen, ist dieses nette kleine Tierchen unaufhörlich darum bemüht, einem auch diese letzte kleine Freude noch zu verderben. Wahlweise im eigenen Nest oder im Baum genau vor dem Fenster sitzend gurrt sie, was das Zeug hält, um weitere singfreudige Vogelkollegen anzulocken. Wenn dann die ersten eintreffen, geht das Geflatter los und die Taubenschar hüpft munter und weiterhin lautstark gurrend von einem Ast auf den anderen, vergnügt mit den Flügeln schlagend, bis auch die letzten Blätter im Baum rascheln. Umso erstaunlicher ist es, dass besagtes Federvieh abrupt verstummt, sobald man sich dazu durchgerungen hat, das Bett endgültig zu verlassen.

In meinen Augen ebenfalls überflüssig sind die „Haste ma ’n Brotkrumen“-Tauben. In Städten, besonders auf großen Plätzen, treten sie nur in Rudeln auf. Sie warten, bis man sich auf einer Bank niedergelassen hat, um eine kleine Zwischenmahlzeit zu sich zu nehmen, und kommen dann kopfnickend und in Angriffsformation auf einen zumarschiert, um sich in infanteristischer  Präzision um die Bank zu positionieren und sich auf die Lauer zu legen. Begeht man dann den Fehler, durch eine kleine Unachtsamkeit versehentlich ein paar Krümel fallenzulassen, wandelt sich der bislang noch ruhige Pausenort in einen beachtlichen Kriegsschauplatz, wo Taube 1 versucht, Taube 2 das Auge aus- und das fallengelassene Krümelchen aufzuhacken. Noch während die Tauben 3 bis 7 hektisch flatternd im Sturzflug den Landevorgang auf den eigenen Schultern einleiten, wirft man idealerweise alles Essbare weit von sich und tritt schleunigst die Flucht an, um den Ort des Geschehens zwar immer noch hungrig, dafür aber halbwegs unversehrt zu verlassen.

Was ich also davon halte? Also, wenn ich überlege, auf welchen der genannten Punkte ich am ehesten verzichten könnte, dann entscheide ich mich für: alle. Ich muss nämlich gar keine Linsen sortieren, und die gebratene Taubenkeule gehört nicht unbedingt zu meinen Leibgerichten. Dazu kommt, dass im Zeitalter der schnellen Medien und Informationen Tauben wohl auch nicht mehr so richtig sinnvoll eingesetzt werden können, es sei denn, sie  sind auch in der Lage, USB-Sticks zu transportieren. Wenn ich also nicht nur auf die weniger schönen Punkte, (was ich wohl an dieser Stelle nicht noch gesondert ausführen muss,) sondern auch auf die „guten“ Eigenschaften dieser Gattung Federvieh getrost verzichten kann, dann wird mein Standpunkt zu diesem Thema wohl recht deutlich. Und wenn ich jemals einen echten Taubenvergrämer treffe, dann lasse ich ihn das auch wissen.

Kommentare

  1. bei uns herrscht NATUeRlich im garten politcorrect
    (und hier specielle:) vogelmäßig gleichberechtigung.

    da landen nach meis' und spatz und (b)amsel
    auch mal „täubchen” und „wuchtbrumme”.

    gibt ja auch meist etwas.

    und trotzdem habe ich ein herz
    für diesen einen „taubenvergrämer” -

    http://www.youtube.com/watch?v=OOqsfPrsFRU

    aber das ist eine ganz andere schiene.
    oda flugbahn.

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